Es ist heiß… Zu heiß, finden viele.
Ja, es ist heiß, und ja, der Körper vieler, hauptsächlich von älteren Menschen, kommt oft schlecht zurecht mit der Hitze.
Ich gehöre auch zu denen. Und doch sehe ich auch die guten Aspekte der Hitze. Ich habe zum Beispiel viel weniger bis fast keine rheumatischen Schmerzen!
Und ich friere nicht!
Diese Hitze ist für uns in unseren Breitengraden ungewohnt. Und das, was man nicht kennt, lehnt man zunächst meistens ab. Es verunsichert.
Wir bauen also Widerstand auf, und der beginnt im Kopf.
Wir halten an Ideen und Lebensweisen fest, die uns schaden.
Denn im Grunde macht uns unser Lebensstil krank. Und dumm. Und unglücklich.
Wir leben in Stress, der dadurch entsteht, dass wir uns gedrängt fühlen, stets mehr zu wollen, mehr zu leisten, mehr zu erreichen.
Wir leben in Stress, weil wir uns mit allzu vielen Themen beschäftigen und dabei keine Zeit haben, etwas fertigzudenken, nachzuspüren, etwas wirken zu lassen.
Zu viele Informationen, zu viele Anforderungen, zu viele vermeintliche Pflichten hindern uns daran, entspannt, gelassen und vertrauensvoll das zu genießen, was das Leben uns bietet.
Wir sind so besessen von der Idee, dass es uns nur gut geht, wenn wir viel erreichen, viel konsumieren, Ansehen erwerben, also erfolgreich sind. Wir zwingen uns, Dinge zu denken und zu tun, die uns eigentlich gar nicht entsprechen. Und merken es nicht.
Das ist ein gesellschaftlicher Zwang. Und das ist die Norm, auf welcher unsere Gesellschaft basiert.
Wir meinen also, das sei normal. Wir kennen es nicht anders.
Und dann, von einem Tag auf den anderen, ändert sich alles.
Die Temperaturen steigen in für uns ungewohnte Höhen. Wir ächzen und glauben, es nicht aushalten zu können. Die Hitze zwingt uns, zu entschleunigen. Sie zwingt uns, auf gewisse Dinge zu verzichten. Nur das Notwendige ist jetzt möglich. Alles Unwichtige entfällt.
Das Leben verlangsamt sich enorm. Auch für mich. Es gibt nichts, was ich schnell erledigen kann, alles wird langsamer: das Gehen, die Arbeit im Haushalt, das Denken, das Handeln…
Ich gehe weder auf Shoppingtouren noch sonst irgendwohin. Es sei denn, es ist notwendig.
Wir denken, das sei eine Ausnahmesituation, und hoffen bereits auf ein Ende der Hitzewelle.
Was aber, wenn die Hitze keine „Welle“ mehr, sondern der Normalzustand wäre?
Da kommt sofort Panik auf. Angst, das Gewohnte zu verlieren. Angst vor Veränderung. Wir halten krampfhaft an Ideen und Lebensweisen fest, die uns schaden. Eigentlich wissen und spüren wir das. Aber wir wollen es nicht wahrhaben. Einfach deshalb, weil wir uns an das klammern, was wir kennen.
Was aber, wenn genau das eine Chance ist, unseren gewohnten Lebensstil zu hinterfragen?
Die Hitze zwingt uns dazu, nicht im gleichen Stil weiterzumachen. Sie fordert Ruhepausen. Langsamer treten. Weniger leisten. Ja, und auch weniger scheinbaren Bedürfnissen nachzujagen. Denn es fehlt die Kraft.
Genau das ist doch eigentlich wünschenswert.
Wird nicht dauernd betont, dass wir in einer zu hektischen Welt leben? Dass jeder und jede stets zu viel um die Ohren hat und unter Stress leidet?
Die Hitze zwingt uns zur Veränderung.
Es ist die Natur selbst, die sich, ob wir das wollen oder nicht, unaufhaltsam in unser Leben einmischt und uns herausfordert, uns anzupassen.
Wenn wir nicht mehr so weitermachen können, wie bisher, können wir endlich lernen und begreifen, dass das Leben nicht ausschließlich dazu da ist, uns in unseren Zwängen zu verlieren. Zwänge wie: viel leisten zu müssen, um viel Geld zu haben. Viel Geld zu haben, um sich Vieles leisten zu können. Den Wohlstand erhalten, der im Vergleich zu ärmeren Ländern Luxus ist.
Wir könnten lernen, dass das berühmte „Weniger ist mehr“ tatsächlich stimmt.
Wir könnten erfahren, dass wir viel weniger brauchen, als wir glauben.
Weniger Kleidung, weniger Autos, weniger Reisen, weniger Freizeitbeschäftigungen, weniger soziale Medien, weniger verschiedene Nahrungsmittel, weniger Importe, weniger Geld, weniger Besitz.
Und wenn wir weniger Geld brauchen, müssen wir nicht so hart arbeiten. Wir haben weniger zu verlieren!
Ist nicht genau das der Grund, weshalb wir uns in südlicheren Ländern oft wohler fühlen?
Wir schätzen dort die Gelassenheit der Menschen, den langsameren Tagesrhythmus, die Einfachheit. Wir finden es großartig, dass man in einem spanischen oder italienischen Dorf auf dem Dorfplatz Menschen antrifft, die sich im Schatten eines Baumes unterhalten, und Zeit haben füreinander. Ob in Mittelmeerländern, in Afrika oder Asien: Das Leben unter der heißen Sonne verläuft ganz anders als bei uns.
Natürlicher, gelassener. Genügsamer.
Ja, dort ist man mit weniger zufrieden. Weniger gestresst. Weniger krank.
Natürlich funktioniert dann die Wirtschaft auch nicht auf Hochtouren. Muss sie auch nicht. Wenn wir erkennen, dass so vieles, was wir hier produzieren, nicht notwendig ist, verändert sich alles.
„Zeit ist Geld“, heißt es bei uns, und „Geld regiert die Welt“.
Vielleicht hilft uns die Hitze, diesen tief sitzenden Satz zu hinterfragen. Wir haben jetzt die Chance, uns zu fragen, wofür wir wirklich leben möchten. Ehrlich.
Deshalb fühle ich eine tiefe Dankbarkeit für diese herausfordernde Hitze. Sie hilft uns, uns auf uns selbst zu besinnen, zu spüren, was uns guttut, was wir wirklich brauchen und was nicht.
Wir können uns gegen die klimatischen Veränderungen wehren, aber sie geschehen trotzdem. Oder wir können uns auf diese Herausforderungen einlassen, uns anpassen und uns das sein und werden lassen, was unseren Entfaltungsmöglichkeiten entspricht. Das genügt, um zufrieden und glücklich zu sein!

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